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Mehr Dynamik im Strom- und Gasmarkt

Für viele deutsche Haushalte ist der Wechsel des Stromanbieters kein Tabuthema mehr. Fast jeder fünfte Verbraucher bezieht seinen Strom mittlerweile von einem neuen Lieferanten – Tendenz steigend. Peter Martin Schroer zeigt auf, dass die Bedeutung von Ökostrom im Vertrieb erheblich zunimmt.

Die neue Wettbewerbsdynamik zeigt sich auch an der zunehmenden Anzahl der Anbieter: Wir zählen mittlerweile deutlich über 50 Lieferanten, die bundesweit Stromprodukte vertreiben – 20 mehr als noch zu Beginn dieses Jahres. So kommt es, dass Verbraucher im bundesdeutschen Schnitt mittlerweile zwischen 72 Lieferanten wählen können, wobei die meisten zudem noch verschiedene Stromprodukte offerieren. Die simple Eingabe einer Postleitzahl und eines Jahresverbrauchs in einen Online-Tarifrechner genügt zu erkennen, dass es sogar schon schwierig geworden ist, den Überblick zu behalten und das passende Angebot „herauszufishen“. Der Preis ist dabei für knapp drei Viertel der „Wechsler“ das entscheidende Kriterium. Ins Blickfeld ist aber auch der bewusste Bezug von Ökostrom gerückt, der in einem von fünf Fällen den Ausschlag für die Vertragsumstellung gibt. Relativ neu dabei ist, dass der Kunde vielfach beides haben kann, da der Bezug von Grünstrom nicht mehr zwingend mit Mehrkosten verbunden sein muss – im Gegenteil.

Gegenläufige Entwicklungder Kosten für „Normalstrom“ und Ökostrom

Die deutschen Verbraucher mussten und müssen im laufenden Jahr 2009 für ihren Strom tiefer in die Tasche greifen. Die Kosten für „Normalstrom“ nach dem deutschen Strom-Mix aus fossilen Energieträgern, Kernkraft und einem noch relativ kleinen regenerativen Anteil sind für Privathaushalte seit Jahresbeginn um vier Prozent auf durchschnittlich 23,9 ct je Kilowattstunde (brutto/ Jahresverbrauch 3.500 kWh) gestiegen – und das bei stark gefallenen Großhandelspreisen an der deutschen Strombörse. Ökostrom- Produkte sind dagegen günstiger geworden: Sie verbilligten sich um knapp sieben Prozent auf 22,4 ct/kWh.
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass in vielen Liefergebieten der Verbrauch von Grünstrom mittlerweile preiswerter ist als die herkömmliche Grundversorgung, über die immerhin noch 40 % aller Privathaushalte beliefert werden. Auf Basis der ene´t- Datenbank „Endkundentarife Strom“ haben wir eine Karte erstellt, die aufzeigt, in welchen Regionen Grünstromangebote bereits billiger sind als der jeweilige örtliche Standardtarif.
Der Verbraucher hat meistens die Wahl, ob er seinen regenerativ erzeugten Strom von einem der bundesweiten Händler wie Lichtblick, Greenpeace Energy oder Naturstrom beziehen will oder von dem Anbieter, bei dem er vielleicht schon viele Jahre lang Kunde ist. Denn von den 850 deutschen Stadtwerken bieten mittlerweile 570 ihre eigenen Ökostrom-Produkte an – auch die Kommunalversorger haben also den Trend erkannt. In preislicher Hinsicht unterscheiden sich die beiden Anbietergruppen kaum.
Deutliche Unterschiede sind hingegen bei der Qualität der Angebote auszumachen, da „Ökostrom nicht gleich Ökostrom“ ist. Die Bandbreite erstreckt sich von banalen Umdeklarierungen von Wasserkraft aus z.T. schon Jahrzehnte alten Anlagen – deren Stromerzeugung früher als rein konventionell galt und die erst neuerdings „ökologisch“ ist – bis hin zu hochwertigeren „Klima-Cent“- Ansätzen, die einen festen Betrag des in Rechnung gestellten Preises in die Projektierung neuer Wind- oder Solarparks fließen lassen. Maßgebend für den Umweltnutzen ist immer, ob sich durch die Erzeugung und den Verkauf des Ökostroms der prozentuale Anteil am Strom-Mix in Richtung der erneuerbaren Energien verschiebt. Der interessierte Verbraucher kommt also nicht umhin, sich mit der Thematik zu beschäftigen und die einschlägigen Angebote auf ihre Wertigkeit hin zu überprüfen (soweit ihm die Begleitinformationen dies ermöglichen).

Spürbare Belebung auch im deutschen Gasmarkt

Nach der offiziellen Liberalisierung des deutschen Energiemarkts im Jahr 1998 blieb der Wettbewerb im Erdgassektor praktisch ein Jahrzehnt lang aus, zumindest im Segment der Haushaltskunden. Dies hatte viele Gründe, die erfolgreiche politische Lobbyarbeit der etablierten Gaswirtschaft war sicher einer davon. Nun jedoch steigen auch im deutschen Gasmarkt die Anbieterzahlen. Zwar sind bundesweit flächendeckende Angebote aufgrund der noch bestehenden Marktgebietsgrenzen insbesondere zwischen den beiden größten Zonen „NetConnect“ und „Gaspool“ noch unwirtschaftlich, weil der marktgebietsüberschreitende Erdgastransport mit erheblichen Mehrkosten verbunden ist. Dennoch verzeichnen wir einen sprunghaften Zuwachs bei den so genannten überregionalen Marktakteuren, die den Brennstoff innerhalb ihres jeweiligen Marktgebiets vertreiben.
Die Zahl dieser „Wettbewerbsanbieter“ hat sich inzwischen auf über 170 erhöht. Unter ihnen sind 124 Stadtwerke, die in fremden (oft benachbarten) Netzen agieren. Reine Gashändler ohne eigenes Netz zählen wir aktuell 47. Damit machen den knapp 730 örtlich verwurzelten Kommunalversorgern weit mehr als doppelt so viele „neue“ Anbieter Konkurrenz als noch zu Beginn dieses Jahres. Die Wechselquoten erreichen zwar noch nicht das Niveau des Strommarkts, dennoch haben nach Informationen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) immerhin schon 23 % der Haushaltskunden ihren Tarif oder ihren Erdgaslieferanten gewechselt. Ende 2007 lag dieser Wert noch bei elf Prozent.

schroer@enet.eu

Ausgabe η[energie] 8 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η[energie] 8 / 2009.

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